HAUSBOOT FREUNDE

 

Urlaubsgeschichten von einem, der auszog mit dem Hausboot Frankreichs Wasserstraßen zu erkunden
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Von Corbigny/Chitry les Mines nach Dompierre - 1 Woche auf dem Canal du Nivernais und dem Canal du Centre

Die Schleusentreppe hinter Corbigny, eine traumhafte Landschaft
Die langsame Erklimmung des Morvan-Massives und die Durchfahrt durch eine enge, tiefe Schneise - Natur pur, ursprünglich, fast menschenleer, beengt und gleichzeitig grandios - und auf einmal, der breite Blick auf das Tal, die Seen, und wenig später, majestätisch dahinschlängelnd, die Loire…

Diese Hälfte des Canal du Nivernais von Corbigny/Chitry les Mines bis Dompierre wird jeden Naturliebhaber hoch erfreuen.

Der erste Tag ist gleich der Anstrengendste: Nicht weniger als 16 Schleusen innerhalb von vier km, die berühmte »Echelle de Sardy«, die eine Höhe von 40 m überwindet, wartet auf den etwas bangen Freizeitschiffer. Also, eine Schleuse nach der anderen, wunderschöne Schleusen, deren Tore sich mit einem langen mächtigen Eichenbalken öffnen lassen, eine besondere Öffnungstechnik, die ich trotz meiner vielen Reisen nur dort erlebt habe.

Wir denken an Szenen alter Römerfilme aus den 50er und frühen 60er Jahren, denken an Spartakus oder Ben Hur auf den Galeeren. Es ist anstrengend, ohne Zweifel, aber es macht auch Freude. Unser Team ist gut geübt, Sohn und Tochter halten das Boot in der Schleuse, meine Frau und ich öffnen die Tore, zwei weitere Boote mit Engländern an Bord, die seit der ersten Schleusen mit uns fahren, schließen die Toren. Man hilft sich gegenseitig: Leine geben, Leine lassen, Tür schließen, Wasser rein, Tür öffnen und wieder los.

Romantischer Platz zum Wohnen
Das Tal ist eng, bewaldet, romantisch. Manche Schleusenhäuser werden heute von Kunsthandwerkern und Künstlern bewohnt, die die verrücktesten Objekte verkaufen, die meisten eher skurril, einige könnte man jedoch fast als schön bezeichnen. Wir lassen uns Zeit, die anderen Boote auch, es herrscht eine herrliche Stimmung. Der zuerst sehr schweigsame Schleusenwärter, der unsere Boote begleitet, wird allmählich gesprächiger und zeigt uns einige Tricks, wie man besser mit Boot, Leinen und Toren umgehen soll und dabei mit einem Minimum an Anstrengung auskommt. Trotzdem: Heute nacht schlafen wir besonders gut, die Luft und die körperliche Betätigung hat uns Schreibtischhocker doch ganz schön erschöpft.

La Collancelle heißt die Schneise, die den letzten Kilometer des Morvans durchdringt, eine Einbahnstraße auf der Scheitelstrecke, die mühsam von Menschenhand in den Berg gegraben wurde. Eine Ampel regelt die Fahrt. Der Kanal ist vielleicht fünf, höchstens sechs Meter breit, man kann mit den Händen die „Wände" fassen. Quellen entspringen an den Felsen, Farne und Bäume filtern das Licht, man möchte gern in diesem Paradies verweilen - aber hier ist Parkverbot. Wir genießen, dass wir nur mit acht Stundenkilometern fahren dürfen… Dann plötzlich, der Etang de Baye, einer der Seen, die den Kanal mit Wasser versorgen, und hinaus aus der schummerigen, fast verwunschenen Wildnis. Die Landschaft ist jetzt milder und öffnet sich, der Blick reicht 30km über satte grüne Wiesen und lichte Wälder bis in das Tal der Loire.

Eine gute Adresse: Café/Restaurant in einem alten Schleusenwärterhaus
In Bazolles kaufen wir ein, abends lassen wir uns dann doch im „Café de l'ècluse" in Chavances zu einem Essen verführen. Die Stimmung ist locker, der Patron Schweizer und alle Gäste fast ausschließlich Hausbootler oder aus der näheren Umgebung. Es wird spät....

In Mont et Marré wie im Chatillon machen wir Halt. Mehr aus Neugier als aus guten (Reiseführer-)Gründen. Wir wissen seitdem wir Hausboot fahren, fast alle Orte zu schätzen und lassen uns überall überraschen. Hier eine Bäckerei, dort eine alte Scheune, hier ein Metzger mit unbekannter Wurst oder Pastete, dort ein Café, ein Platz zum Hinsetzen.

Neugierig sind sie die Charolais-Rinder. Sie kommen gerne zu Besuch.
Das Fahren ist schön und einfach, nie langweilig. Der Kanal kennt hier keine Gerade, es folgt ein Mäander auf den anderen, Wiesen und kleine Wäldchen wechseln sich ab. Ab und zu kommt eine Herde weißer Kälber neugierig angerannt, junge Charolais-Rinder, die unbedingt unsere Pénichette von nah bewundern möchten.




Typische Schleuse
Und alle paar Kilometer eine alte Schleuse, Grund für die Kinder und meine Frau das Lesen oder das Farniente zu unterbrechen. Die Schleusen sind in sehr gutem Zustand, öfter mit einer Brücke verbunden, manchmal haben sie zwei Kammern. Die dazugehörende Häuser sind sehr individuell verziert, manche mit Blumenschmuck geradezu übersät. Schleusenwärter sind in der Mehrzahl Frauen und plaudern gerne.




Canal du Nivernais mit Schloss
Im Pannecot genießen wir den Blick auf das Schloss Anizy. Cercy-la-Tour ist winzig klein, verfügt aber über ein gutes Restaurant.

Noch bis St-Leger glaubten wir ein großes Boot zu haben. Sicherlich noch lange nicht vergleichbar mit einem echten „Lastkahn", aber immerhin 11 Meter lang. Dann aber verließen wir den Kanal und wechselten auf die Loire. Und schlagartig wurde uns klar: wir bewohnen eine Nussschale.




Auf der Loire
Durch den Regen der vorherigen Wochen angeschwollen, war die Loire noch mächtiger als erwartet: Ihre Breite war wirklich beeindruckend und die Strömung gab uns zu schaffen. Die Strecke auf der Loire selbst ist zwar kurz, aber die ungewohnte Fahrt auf dem Fluss und noch dazu auf diesem hinterließ eine starke Erinnerung.

Dazu trug nicht zuletzt das Hineinfahren in die erste Verbindungsschleuse zum Canal du Centre bei: Bei diesen nicht ganz einfachen Verhältnissen, eine Aufgabe nicht frei von Schweissperlen. Das Boot trotz der starken Strömungen in der Flussmitte vor dem Schleuseneingang halten bevor die Tore sich geöffnet haben, ist eine Erfahrung, die man auf einem Kanal sonst nie erleben kann.

Die Loire hat uns so sehr beeindruckt, dass wir sogar vergaßen, die, wie uns andere Bootsfahrer erzählten, sehr schöne Stadt Deçize zu besuchen.




Schild an der Kanalbrücke von Digoin
Nach solch schönen Tagen und einer so abwechslungsreichen Natur wirkte der Canal du Centre selbst weniger spannend. Nur noch fünf Fahrstunden bis nach Dompierre, unserem Zielhafen, beschließen wir noch einen Abstecher: Wir möchten nach Digoin und zu seiner berühmten Kanalbrücke. Es sind ca. 25 km mehr und fünf Schleusen, die sich lohnen.




Die Kanalbrücke von Digoin
Die Brücke wurde 1838 über eine Länge von 243 Meter gebaut. Elf Bögen erlauben die Überquerung der Loire. Der Kanal besitzt dort nur eine Breite von sechs Metern. Digoin selbst ist auch sehenswert, dort verweilen wir noch am nächsten Vormittag, bevor wir auf der Kanalbrücke die Loire überqueren und nach Dompierre zurückfahren.

Fazit: Eine wunderschöne Strecke, fahrerisch spannend und abwechslungsreich, vor allem wegen ihrer Naturschauspiele attraktiv.

Abgesehen von den tollen Kanalbauten finden sich hier insgesamt weniger Sehenswürdigkeiten als auf den ersten Abschnitten des Canal du Nivernais. Sicherlich nicht so einfach zu befahren wie die Saône, ist diese Strecke aber auch nicht nur für super-erfahrene Kapitäne geeignet. Mit sehr wenig Verkehr, wenigen Hausbooten und daher seltenen Wartezeiten oder gar Parkschwierigkeiten ist die Fahrt ruhig und sehr entspannend. Fast überall gibt es Einkaufsmöglichkeiten - ein bisschen Planung schadet sicher nicht - und auch allgemein gute und günstige Restaurants sind zahlreich vorhanden.

Wir möchten gerne einmal diese Tour wiederholen, diesmal vielleicht in der Gegenrichtung.

Das Boot:eine Pénichette P1106 mit Flying Bridge

 © 2002 Paul Albert | E-Mail: paul.albert@hausboot-freunde.de