HAUSBOOT FREUNDE

 

Urlaubsgeschichten von einem, der auszog mit dem Hausboot Frankreichs Wasserstraßen zu erkunden
HAUSBOOT-TOUREN

Bootstour 1995 - Charente

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Meine erster Hausbooturlaub mit der Pénichette - zu Gast in der Charente

Die Bahnfahrt über Paris, wo wir in den schnellen TGV umstiegen, hätte zu den geruhsamen Tagen, die wir im Nachfolgenden erlebten, nicht gegensätzlicher sein können: Statt mit 300km/h durch die Landschaft zu sausen würden wir nun eine Woche mit 6-10 km/h durch die verträumte Charente gleiten...


Route der Hausbootfahrt durch die Charente

Blick auf Cognac
Dennoch war die Zugfahrt sehr entspannend, wenn ich da nur an die 10- und mehrstündigen Autofahrten ans Mittelmeer denke...! Von Angoulème aus bestiegen wir zwei Taxen und fuhren, einen ersten Eindruck der Landschaft gewinnend, zur Locaboat-Basis, dem kleinen Hafen des Städtchens Cognac - nicht nur wegen seiner erlesenen Alkoholerzeugnisse eine Reise wert, wie wir feststellen sollten.

Der Empfang war, wie ich im Übrigen später immer wieder positiv notierte, überaus herzlich. Man brachte uns zu unseren zwei frisch-herausgeputzten Pénichette 1107, die schon auf unsere Ankunft zu warten schienen. Im ersten Moment erschienen sie mir richtig groß - hatten wir uns nicht etwas überschätzt? Wir hatten es nicht.


Cognacverkostung bei Courvoisier
Während ein Teil unserer Gruppe den Einkauf in Angriff nahm, schlug die Basisleitung vor, eine kleine Einweisung in die Grundsätze von Schiffahrt und Navigation vorzunehmen. Nach etwa 45 Minuten waren alle Zweifel beseitigt und stolz demonstrierten wir den staunenden Einkäufern, wie leicht uns das Anlegen schon von der Hand ging.

Wir beschlossen, den Abend noch in Cognac zu verbringen und erst am nächsten morgen abzulegen. Bevor wir uns um die Zubereitung unserer Abendessens kümmerten, lockte doch die Brennerei Courvoisier mit ihren kilometerlangen Lagerkellern. Auch hier: Die deutschsprachige Führung war kompetent und umfangreich und lohnt sich allemal. Am Abend waren wir alle zu kleinen Weinbrand-Spezialisten avanciert; Kenntnisse, die wir in den darauffolgenden Tagen noch vertiefen sollten. Beim anschließenden Bummel durch die malerische Altstadt von Cognac entdeckten wir einige architektonisch interessante Bauwerke, die mit ihrer romantisch-trotzigen Art ihr wahres Alter nicht wirklich verraten...


Die alten Fässer sind sehr beeindruckend
Das Abendessen war äußerst angenehm: Auch für die große Mannschaft konnten wir problemlos in der geräumigen Küche kochen und planten danach in einer der kleinen Bars bei einigen Gläsern Cognac - der Kopf »durstete« nach Vertiefung des neu erlangten Wissens - noch bis spät in den Abend gemütlich die nächsten Tage.

So angenehm wie den nächsten Morgen sollten wir die meisten an Bord erleben: Sanft wecken die Sonnenstrahlen durch die nur halb zugezogenen Vorhänge in der Kabine, Dunst steigt vom Wasser auf und der Frühaufsteher fährt mit dem Fahrrad in die nahe Boulangerie für Baguette und ein paar Eier... An Bord kochen wir derweil Kaffee und Tee und die Siebenschläfer unter uns acht werden nach dem Frühstück abspülen.


Das Schloss von Saint Brice mit seiner Renaissance-fassade liegt direkt am Fluss.
Man kann hier direkt an einem Steg
halten und auch übernachten.
Das Wetter ist prächtig: Die Sonne lacht und es kribbelt in den Fingern, als wir in der erfrischenden Brise des französischen Morgens das Boot losmachen und sanft den Windungen des Flusses folgen. Nach der ersten Brücke ändert sich die Welt: Weiße Renaissancefassaden der Herrenhäuser weichen grünen Wiesen, auf der sich das Rind tummelt, Wälder lassen verwunschene Prinzen und Dornröschentürme erahnen. Das breite Tal ist idyllisch und ruhig.

Gemächlich bahnen sich unsere Pénichettes den Weg durch das Wasser, das Steuern geht einem mit jedem gefahrenen Meter leichter von der Hand. Im Bug genießen die Faulenzer das gemütliche Gleiten, und Kaffee haben wir noch vom Frühstück übrig. Nach einer weiteren Flussbiegung kommt Bewegung in das Boot: Die erste Schleuse! Uns flatterten zunächst schon ein bisschen die Ohren als wir uns langsam diesem uns Landratten eher ungewohnten, aber überaus nützlichem Teil kanalbauerischer Anstrengung näherten. Jetzt ist Aufmerksamkeit gefordert: Der Steuermann muss erkennen, ob die Tore geöffnet sind, im Bug und Heck des Bootes macht man sich mit den Leinen bereit. Muss jemand an Land gehen, um die Schleuse eventuell vorzubereiten? Hier auf der Charente muss man nämlich selbst schleusen, in anderen Regionen gibt es meist Schleusenwärter, die dies erledigen. Beides hat seine Vorteile: Selbst schleusen zum Beispiel, dass es keine Mittagspausen der Wärter gibt...


Die ersten Schritte zur Schleuse sind noch unsicher, aber die Erfahrung regelt dies von allein.
Die erste Unruhe legte sich schnell, aller verstehen rasch: es kann wirklich nichts schiefgehen. Wir machen das Boot fest - nicht zu fest, damit es entsprechend dem Niveauausgleich der Schleuse noch Spiel hat - , kurbeln, schließen die Tore, kurbeln, öffnen die vorderen Tore, warten bis die Schleuse langsam voll läuft und fahren wieder einmal heraus. Wundervoll! Fast sind wir ein bisschen stolz auf uns. Das erste Mal ist eben sehr beeindruckend.

In Bourg Charente möchten wir unbedingt Halt machen, der Reiseführer hat uns die romanische Kirche sehr ans Herz gelegt. Den Schlüssel holen wir im Postamt, als deutsche Stadtmenschen wieder einmal verblüfft von der unbürokratischen Einfachheit französischer Landkultur.


Bourg-Charente wird überragt von seiner Burg. Touristisches Highlight ist die romanische Kirche aus dem 12. Jahrhundert.
Eine Stunde später, und wieder eine Schleuse weiter, erreichen wir Jarnac, Geburtsort des früheren französischen Präsidenten Mitterrand. Auf dem kleinen Friedhof erweisen wir dem ehemals so Mächtigen unsere Ehre. Erstaunlich: Die Grabmäler besitzen die Form kleiner Häuschen, manche bis zu zwei Stockwerke hoch. Beeindruckend ist ein besonders Prächtiges einer Familie aus dem uns wohlbekannten Cognac. Im Anschluss will wieder einmal der Cognac studiert sein: Jarnac lockt mit einer weiteren Distillerie...

Je weiter uns die Reise über den Fluss führt, desto mehr gewöhnen wir uns an den entspannten Rhythmus der Ferien. Jetzt, im Mai, führt die Charente noch vergleichsweise viel Wasser, anders als im Sommer, wo manch ein Boot auch schon einmal mit vereinten Kräften und hochgekrempelten Ärmeln und Hosen von einer Sandbank geschoben werden muss... Auch dies nur halb so schwer, aber doppelt so spaßig wie es sich liest.


Sehr beeindruckend ist die Kirche von Châteneuf sur Charente mit ihrem Portal, das mit zahlreichen romanischen Skulpturen geschmückt ist.
Angoulème - der Reiseführer verspricht nicht zuviel, wenn er von »einer der schönsten Städte des französischen Südwestens« erzählt. Wir erreichen die Stadt am Abend, und da wir alle von der frischen Luft des ersten Tages etwas müde sind, gehen wir nach dem Abendessen bald schlafen. Am nächsten Morgen besichtigen wir mit frischer Tatkraft die auf einem Felsvorsprung thronende Stadt. Die Kathedrale Saint Pierre dominiert das markante Stadtbild, welches als Gegenakzent das mittelalterliche Rathaus und kilometerlange, gut erhaltenen Befestigungswälle setzt. Der Blick hinunter auf »unseren« Fluss, auf die gemütlichen Windungen der Charente ist überwältigend.

Unser nächster Eindruck wird bestimmt vom ehemaligen Reichtum der Stadt, prachtvolle Herrenhäuser reihen sich aneinander und gestalten das Stadtbild in angenehmer und postkartenfertig scheinender Eleganz.Der Marché in der um die Jahrhundertwende gebauten, mit viel Eisen und Glas licht gestalteten Markthalle, lockt mit frischen regionalen Erzeugnissen und mittags kehren wir, schwer bepackt mit allerlei lokalen Leckereien, in eine der zahlreichen Brassérien ein.

Am Nachmittag, wenn sich Normalsterbliche normalerweise langweilen, wird unser allzu weltlicher Appetit kreativ in ein zweites Mittagessen umgewandelt: Zu schade, dass wir von der Charente-Melone nur zwei mitnahmen, sie schmecken wahrhaft köstlich mit Pineau, einer Mischung aus Cognac und Tresterbrand. Glücklicherweise kauften wir - vielleicht zur Kompensation, wer weiss - von dem sehr schmackhaften Ziegenkäse umso reichlicher.


Unsere Boote: 2 Penichettes P1107

 © 2002 Paul Albert | E-Mail: paul.albert@hausboot-freunde.de